Botschaft des Generaldelegierten der Bewegung ATD Vierte Welt anlässlich des Welttages zur Überwindung der Armut am 17. Oktober 2009

„Unsere Länder werden unter Wasser sein“ riefen dieser Tage Familien in Asien, die von jeher gezwungen sind, in Gegenden zu leben, die zuerst von der Wucht der Hochwasser überflutet werden.
Taifune, Erdbeben reissen hier Häuser weg und lassen Millionen Kinder und ihre Eltern mit nackten Händen gegen die Elemente kämpfen. Und wenn sich das Wasser zurückzieht, wenn dicker Schlamm die Wohnviertel bedeckt, werden die Medien taub - und in den stummen Klagen gärt eine Gewalt, die durch das Übermass an Unglück und Ungerechtigkeit entsteht.
„Warum sind es immer unsere Häuser, die zerstört werden?“ Die geschützten Gebiete werden von andern für sich beanspruchen? „Wenn ich gross bin, werde ich hingehen und ihre Häuser zerstören.“ Stimmen der Mütter ertönen: „Im Kopf und im Herzen unserer Kinder wollen wir etwas anderes einpflanzen als Wut.“ Hören wir diese Kinder und ihre Eltern in dieser Zeit, die von so vielen Krisen der Ökologie, der Energie, der Lebensmittelknappheit, der Wirtschaft, der Finanzen, des Sozialwesens erschüttert wird?
Unter dem Deckmantel blinder Gesetze und immer unüberwindbarerer Grenzen verletzen die einen die Grundrechte der andern. Deshalb wollen wir in diesen Tagen – zusammen mit allen, die die Würde eines jeden Einzelnen verteidigen – Träger einer neuen Geschichte sein, die die Generationen, die Gemeinschaften und die Länder unter einander verbindet. Eine Geschichte, in welcher der Respekt für einander und der Respekt gegenüber der Erde sich gegenseitig nähren und untrennbar sind.
In diesem Jahr wird der zwanzigste Jahrestag der Konvention für die Rechte des Kindes gefeiert. Es sind die Kinder, die uns in eine Welt führen, die von Vertrauen geprägt wird.
Wir sind Zeugen, dass sie sich durch unzählige konkrete Gesten schon mit den Jungendlichen und den Erwachsenen verbinden und noch unbekannte Solidaritäten entstehen lassen. Solidaritäten, die nicht nur darin bestehen, Hektaren von Wohlbefinden für Einige zu erobern, sondern für Alle Räume auf fester Erde zu gewinnen, wo sich eine gemeinsame Lebensweise entwickeln kann, die niemanden beiseite lässt.
Es sind nicht der erzwungene Gedächtnisschwund oder die von den Erwachsenen erduldeten Gräueltaten, die die Kinder von der Wut befreien werden und ihnen die Welt der Zukunft ermöglichen, die ihnen zukommt. Die feste Erde, die ihnen zu Recht zusteht, erzeugt den Stolz, den Mut ihrer Vorfahren zu erben, um gegen die Demütigung und den Mangel an allem zu kämpfen.
Über alle Generationen hinweg wollen wir an dieser Kultur eines neuen gemeinsamen Lebensgefühls arbeiten, welches die wieder erstandene Ehre und die Erinnerung vor dem Zerreissen der Familien- und Gemeinschaftsbande schützt.
Lasst uns dieses Lebensgefühl gemeinsam pflegen; es verhindert, in der Einsamkeit zu versinken, welche das Schuldgefühl hervorruft.
Diese Erde ist die Zukunft für die Kinder, für Alle. Lasst uns die Felder, wo jeder und jede sich als Teil einer Menschheit wieder erkennt, pflegen, befreit von der Angst, den Ungerechtigkeiten, denen ein Ende bereitet werden muss, trotzen zu müssen.
Eugen Brand
Generaldelegierten





